17 2 Dossier Wirtschafts Zeitung Ausg Abe 1/2016 33 Das Ambiente passte zur Veranstal – tung: Roboter, Fließbänder, Mess- und Prüfgeräte stehen rings um die Stuhl – reihen. Der nach allen Seiten offene Saal vermittelte den Teilnehmern das Gefühl, in einer modernen Fabrikhalle zu sitzen. Ein Vorgeschmack auf das, was bald kommt: Beim Workshop hier in der Ro- botation Academy auf dem Messegelände stellte sich Ende des Jahres das neu ge- gründete Kompetenzzentrum Mittel- stand 4.0 vor. Sein Ziel: Es will kleine und mittlere Firmen fit für Industrie 4.0 machen. In wenigen Monaten entsteht hier im Schulungszentrum die erste voll vernetzte Lernfabrik, eine von zehn in ganz Niedersachsen. Das Konzept könnte zum Vorbild für Technologieförderung in ganz Deutschland werden. Für viele Mittelständler sind „Indus- trie 4.0“ oder „Internet der Dinge“ bis heute abstrakte Schlagworte, die viel mit Google oder Amazon zu tun haben mögen, aber wenig mit der Realität in ihren eigenen Betrieben. Doch das ändert sich gerade. Schon bald dürften die großen Unternehmen von ihren Zu- lieferern digitale Schnittstellen und in- telligente Qualitätskontrollen verlangen. Bei öffentlichen Ausschreibungen könn- ten 3-D-Modelle und digitale Planungs- unterlagen vorgeschrieben werden. Und was dann? „In vielen Betrieben herrscht ein großes Defizit, was das Thema Digi- talisierung betrifft“, sagt Oliver Ilnicki, Berater der IT-Firma Carus aus Hanno- ver. „Viele Entscheider trauen sich aber nicht, ihre Unwissenheit zuzugeben. Es ist höchste Zeit für mehr Information.“ Genau dafür sind an diesem Dezem- berabend etwa 80 Unternehmer, Abtei- lungsleiter und Verbandsvertreter in die Robotation Academy gekommen, und sie hatten viele Fragen. „Wie können Maschinendaten genutzt und gesichert werden?“, „Wie fertigt man auf einer An- lage verschiedene Einzelstücke?“, „Wie motiviert man seine Mitarbeiter, bei der Digitalisierung mitzuziehen?“ 2 Sigmar Gabriels Idee Karls Doreth, Geschäftsführer des neuen Kompetenzzentrums, will jeden Mittelständler dort abholen, wo er steht. „Einige sind sehr aufgeschlossen für das Thema, andere sehr konservativ“, sagt der Experte für Produktionstech- nik. „Auf Dauer wird nur wettbewerbs- fähig bleiben, wer effizient bleibt.“ Das bedeute nicht, dass sich jede Firma gleich eine voll vernetzte Produktion zulegen müsse. „Aber schon eine elektronische Auftragsverfolgung kann für die meisten sehr nützlich sein“, sagt Doreth. Die Idee, dem für die Wirtschaft bedeutenden Mittelstand Einstiegshilfen in Industrie 4.0 zu geben, stammt von Bundeswirt- schaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Im vergangenen Sommer kündigte er an, bundesweit fünf Kompetenzzentren zu schaffen. Die Niedersachsen schalteten am schnellsten. Noch bevor das Projekt offiziell ausgeschrieben wurde, begann das Produktionstechnische Zentrum an der Leibniz Universität (PZH) ein Kon- zept auszuarbeiten. „Wir arbeiten schon seit Jahren an der Idee von intelligenten Bauteilen, die mit den Produktions- maschinen kommunizieren“, sagt Doreth, der bis vor Kurzem wissenschaftlicher Mitarbeiter am PZH war. Innerhalb weniger Monate entstand mit Rückenwind aus der Landesregie- rung zwischen Braunschweig, Oldenburg und Göttingen ein interdisziplinäres Netzwerk an Partnern; im Herbst erhielt das PZH als Erster unter mehr als 30 Bewerbern den Auftrag, ein Kompetenz- zentrum in Hannover aufzubauen. Als weitere Standorte folgen im Laufe des Jahres Berlin, Darmstadt, Dortmund und Kaiserslautern. „Wir haben superqualifi- zierte Forschungseinrichtungen im Land. Alles, was wir brauchten, war schon da“, sagt Marian Köller vom landeseigenen Innovationszentrum Niedersachsen, das neben der Robotation Academy, den Industrie- und Handelskammern und anderen zu den Partnern der Initiative gehört. „Das Kompetenzzentrum wird die Sichtbarkeit Niedersachsens als Tech- nologiestandort erhöhen – bundesweit“, ist sich Köller sicher. 2 5,4 Millionen Fördermittel Tatsächlich pilgern zurzeit Unterneh- mer, Politiker und Verbandsvertreter aus ganz Deutschland nach Hannover, um sich Ideen abzuschauen – „sogar aus den Hightech-Ländern Bayern und Baden-Württemberg“, wie man an der Leibniz Universität mit Genugtuung registriert. Im Kern geht es darum, den Firmen zu zeigen, wie sie konkret von der Digitalisierung profitieren können. Oft lassen sich schon ältere Maschinen mit- hilfe moderner Sensoren nachträglich „intelligent“ machen. Mit 5,4 Millionen Euro Fördermitteln aus dem Wirtschaftsministerium wird zudem der Aufbau der zehn Lernfabriken unterstützt, jede mit einem individuellen Schwerpunkt. Während sich Hannover um Produktionstechnik und IT-Sicher – heit kümmert, geht es in Braunschweig um Energieeffizienz, in Göttingen um Ergonomie und Arbeitsschutz. Darüber hinaus wird es eine mobile Lernfabrik geben, die jeden Mittelständler vor Ort schult. „Technologie zum Anfassen ist eine der Stärken des Konzepts“, sagt Volker Pape, Vorstand und Gründer des Inspektionssystemherstellers Viscom aus Hannover. Er sieht in der Digitalisierung die große Chance für den Mittelstand, seine weltweit führende Position aus- zubauen und zumindest Teile der in Niedriglohnländer abgewanderten Pro- duktion zurückzuholen. Nicht nur in der Industrie, auch im Handwerk werden digitalisierte Pro- zesse zunehmend wichtiger (siehe Seite 23). Für diesen Wirtschaftszweig ent- steht ebenfalls ein Kompetenzzentrum in Hannover – als einziges bundesweit. Die Federführung liegt beim Heinz-Piest- Institut für Handwerkstechnik an der Leibniz Universität (HPI). Das Konzept ähnelt dem für den Industriesektor. Ob 3-D-Druck, digitale Geschäftsprozesse oder Kundenkommunikation: „Auch im Handwerk gibt es ein großes digitales Optimierungspotenzial. Dafür wollen wir der Ansprechpartner sein“, sagt Instituts- leiter Christian Welzbacher. Wird Niedersachsen jetzt zum Über – morgenland? Für Viscom-Vorstand Pape hängt der Erfolg vor allem von der Nach- haltigkeit des Projekts ab. „Für so was muss man einen langen Atem haben und es mindestens zehn Jahre vorantreiben“, sagt der Unternehmer. Die Kompetenz- zentren seien ein Schritt in die richtige Richtung, aber kein Allheilmittel. „Blü- hende Landschaften sollten wir davon nicht erwarten.“ Heute schon ein Übermorgenland Niedersachsen übernimmt die Führungsrolle bei der Digitalisierung der deutschen Wirtschaft. Ausgehend von der Metropolregion Hannover entsteht ein Netzwerk für Mittelständler, das Vorbild für ganz Deutschland werden könnte. Von Claus Gor Gs und Jelena altmann Einige sind bereits aufgeschlossen für das Thema, andere sehr konservativ.“ Karl Doreth, Geschäftsführer, Kompetenzzentrum Mittelstand 4.0. UNI Hannover Voll automatisch Für diese Mittelständler sind digitalisierte Arbeitsprozesse schon Alltag (v. l.): Uhe-Chef Hermann Strathmann junior aus Hemmingen, Bornemann-Inhaber Moritz von Soden aus Delligsen (oben Mitte), Unternehmer und Tischlermeister René Budries aus Salzgitter sowie Micronex-Geschäftsführer Torsten Bethke aus Springe. Eberstein, Küstner, Schanz, Seifert Technologie zum Anfassen ist eine der Stärken des Konzepts.“ Volker Pape, Viscom- Gründer und Vorstand aus Hannover. Viscom